Die Currywurst Kolumne (1): Welche Wurst ist die beste?
Mai 17, 2010 by Fritti
“Currywurst – Alles, was man wissen muss”, so heißt das ultimative Buch über die Wurst, die wie keine andere Karriere gemacht hat in unserem Land. Geschrieben hat es der Journalist Marc Reisner, wir haben es in der Pommeswelt hier vorgestellt. Für alle, die das Buch gelesen haben und nun noch mehr von Marc Reisner über die Currywurst erfahren möchten und für alle, die es noch nicht gelesen haben, die aber einiges über die Currywurst erfahren möchte, ist diese neue Serie in der Pommeswelt. Wir konnten Marc Reisner als Kolumnisten für die Pommeswelt gewinnen und so gibt es ab heute in unregelmäßigen Abständen eine Currywurst-Kolumne in unserem Fastfood-Portal.
Eine Kolumne, die Currywurst-Freunden Spaß machen wird. Denn sie ist das, was eine gute Kolumne ausmacht, sie ist unterhaltsam. Und sie ist lehrreich. Aber lest selbst und staunt, was es alles zum Thema Currywurst zu sagen gibt. (Wusstet ihr, warum die Bratwurst Bratwurst heißt?) Zum Start geht’s – neben vielen Antworten – um eine ganz grundsätzliche und wesentliche Frage:
Welche Wurst ist denn nun die beste Wahl für eine Currywurst?
Letztens, ich meine, es war Dienstag, war ich wieder einmal beim Imbissbuden-Besitzer meines Vertrauens. Er ist, ich kann das so feststellen, der König der Bratwurst-Brutzler und unbezwungener Meister der Currywürste.
„Sag mal“, sagte ich nach einer herzlichen Begrüßung und mit einer eben geöffneten Flasche Pils auf dem Tresen vor mir, „du kennst dich doch mit Currywurst aus?“ Es war unter seiner Würde, mir auf diese profane Frage zu antworten, aber wenigstens sah er mich an – auch wenn er dabei eine Augenbraue kritisch hob. „Nein, im Ernst…“ Er spürte meine Hilflosigkeit und rettete schließlich souverän die Situation: „Wer, wenn nicht ich?“ Nun bin ich eigentlich kein Freund von Gegenfragen, aber in diesem Fall nahm ich sie kommentarlos hin. „Welche Wurst ist denn da nun wirklich die beste?“, bohrte ich weiter. Er drehte sich um und drehte ein paar Bouletten, die auf dem Grill schmurgelten. „Naja“, brummelte er, als er sich wieder mir zuwandte, „da gibt’s schon Unterschiede.“
„Was ist denn mit den Kalbsbratwürsten, wie sie als St. Galler etwa die Schweizer so mögen?“ –„Vergiss es!“ Er wischte unwirsch mit dem Tuch über die Glasplatte, auf der mein Bier stand. Im letzten Moment konnte ich es hoch nehmen. „Kalb ist zu schwach, kann der Currysoße kein paroli bieten.“ – “Klar“, ich gab mich besonders verständnisvoll, um ihn in seiner Berufsehre nicht zu kränken.
„Lamm, habe ich mal gehört, soll auch sehr lecker sein.“ (Tatsächlich hatte ich mit niemandem darüber gesprochen, mochte aber dem Imbissbudenbesitzer meines Vertrauens gegenüber diese kühne Idee nicht als meine ausgeben. Ich spielte seit einiger Zeit mit dem Gedanken, eine Merguez mit klassischer Currywurst-Soße zu verfeinern.) „Kannste nehmen“, murrte er, dachte kurz nach und fügte hinzu: „Schmeckt dir meine nicht mehr?“ – „Doch, logo“, beeilte ich mich zu sagen, „wollte nur mal was Neues ausprobieren.“ Er schlug mit dem Geschirrhandtuch nach mir, das er stets über der linken Schulter hängen hatte, und ich merkte, dass ich mich verraten hatte. „Die ist grob und fett, kräftig gewürzt und schmeckt ganz gut. Harissa dazu und das passt. Currysoße braucht es da eigentlich nicht.“
„Wildbratwurst? Pferd?“ – „Finger weg. Wild taugt nicht jedem, und eigentlich ist es auch schade, da scharfe Soße drüber zumachen. Und Pferd – mit Schwein vermischt ginge das auch. Aber dann würden viele meiner Gäste aus Prinzip nicht mehr kommen.“ Ich dachte kurz nach: „Also doch die Klassiker Schwein und Rind. Aber in welchem Verhältnis?“ Der Imbissbudenbetreiber meines Vertrauens wandte sich wortlos einer älteren Dame neben mir zu – nicht, weil ihn meine Frage verletzt hätte, sondern weil die Frau nach einer Currywurst verlangte. „Ja“, nahm er den Faden nach dem Servieren wieder auf, „Schwein und Rind – und das etwa zu gleichen Teilen. Nicht zu fett darf die Wurst sein, zu mager aber auch nicht.“ – „Rot oder weiß?“, die Frage lag auf der Hand, fand ich. „Das ist eine Glaubensfrage“, jetzt war er ganz bei mir. „Ich selbst würde keine rote Wurst anbieten. Das Umröten geschieht nämlich mit Hilfe von Nitritpökelsalz – und das gilt – vor allem bei Grillwürsten – als gesundheitsschädlich.“
Er schien sich zu ärgern, und ich wechselte schnell das Thema: „Ist doch toll, dass die Bratwurst Bratwurst heißt. Kochwürste gibt es ja wohl nicht…“ Er schüttelte den Kopf und stemmte seine Ellenbogen auf den Tresen. „Die Bratwurst heißt ja nicht Bratwurst, weil sie gebraten wird.“ – „Sondern?“ – „Sondern weil sie aus Brät hergestellt wird. Fein gekuttertem Fleisch.“ – „Klar, Bratwurst direkt vom Kutter“, mein dünner Witz kam nicht gut. Der Imbissbudenbetreiber meines Vertrauens starrte mich finster an, seine Augenbrauen berührten sich fast. „Quatsch!“ Ich musste schon wieder das Thema wechseln. „Mit Pelle oder ohne?“ –„Mit Pelle ist der Klassiker, ohne Pelle war die Ostberliner Variante. Nach dem Krieg gab es im sowjetischen Part keine Därme, also entwickelte der Fleischer Max Brücker eine Wurst, bei der die Wurstmasse direkt in heißes Wasser gespritzt wurde und dort sofort fest wurde. Anfang der 50er Jahre war das. Viele finden die meist etwas aufgequollene Wurst aber nicht so appetitlich, fühlen sich dadurch an die wenig beliebten Wollwürste erinnert.
Mein Ego regte sich. Ich wusste auch so einiges über Würste und vor allem Currywürste. „Kannst du mir auch sagen, warum die Currywurst meist geschnitten serviert wird?“ Ein müder Augenaufschlag war die Antwort. „Damit die Wurst besser abkühlt und damit sich die Soße besser auf den Stücken verteilen kann. Und die Currywurst-Schneidemaschine
wurde 1963 in Radevormwald von Friedhelm Selbach erfunden.“ Jetzt trumpfte ich aber endgültig auf: „Und warum wurde die Currywurst im Westen geschnitten, im Osten aber fast immer im Stück serviert?“ – „Weil die misstrauischen DDR-Bürger Angst hatten, dass der Verkäufer ein Stück für sich behält, das weiß man doch.“
Er schmunzelte, und ich sah ihn wortlos an. Dann legte ich drei Euro auf den Tresen, machte ein abwehrende Handbewegung als er nach seinem Portemonnaie griff, und ging. Ich gebe zu: Ich ließ die Schultern hängen und schlurfte ein wenig. „Hey“, rief er mir hinterher und ich hörte ein Lächeln in seiner Stimme, „komm bald mal wieder. Ist immer ein Vergnügen, mit dir zu plaudern.“
Ja, lieber Marc Reisner, wir finden auch: Komm Schreib bald wieder. Ist immer ein Vergnügen, von Dir zu lesen!
copyright 2010 Marc Reisner















Interessanter Artikel, bei dem man auch noch etwas lernt. Und leider
Appetit bekommt..